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  • Blogs – mehr als online Tagebücher mit Katzenfotos

    Anfang des Jahrhunderts hieß es von ihnen, sie werden das Mediensystem aushebeln, in den letzten Jahren wurden sie für tot erklärt, und sie sind immer noch das Herzstück der Netzkultur, die «Blogs». Das Wort leitet sich aus der Kombination zweier Begriffe ab; «Web» (also “Netz” wie im «World Wide Web») und «Logbuch» (engl.: Log, Logbook). Grammatikalisch richtig wäre daher «das Blog», weil das Web-Logbuch. Seit Jahren erkennt der Duden aber auch «der Blog» als richtig an. Ein symptomatisches Zeichen, welche Bedeutung Blogs in unserer Gesellschaft erreicht haben. Der Erfolg des Phänomens «Blog» verdankt sich der Einfachheit, mit der sich ein Blog starten, einrichten und mit Einträgen befüllen lässt. Die Schwelle, etwas auf einer “eigenen Website” ins Netz zu stellen, ist kindisch einfach geworden. So wie vor 15 Jahren kostenlose E-Mail-Dienste aus dem Netz gesprossen sind und immer leitungsfähiger wurden, hat sich ähnliches in den letzten fünf Jahren mit gratis Blog-Diensten wiederholt. Das ist die eine Bedeutungsebene des Wortes Blog: die Funktionalität der Blog-Software.

    Das zentrale Element des Blogs sind die Einträge mitsamt dem Umstand, dass diese in einer chronologischen Abfolge stehen und der automatischen Leistung der Blog-Software, dass jedem Eintrag ein Datum zugewiesen ist. Alle Einträge zusammen ergeben somit ein chronologisches Archiv, eine Abfolge, bei Twitter, dem “Mikro-Blogging”-Dienst, beispielsweise «Timeline» genannt. Blogs eignen sich also zur chronologischen Dokumentation: von Gedanken, Beobachtungen, Ereignissen, Entwicklungen und so weiter … inklusive Bilder von Katzen. Jedes Blog ist ein implizites Versprechen weiterer, zukünftiger Einträge.

    Im Wort «Blog» ist neben der Struktur der Software mehr enthalten. Eine andere Dimension des Begriffs meint die “Textsorte”, die Kulturtechnik des Bloggens, das idealtypische «Wie blogge ich “richtig”?». Zur Kultur des Bloggens gehören so manche Aspekte, nicht alles ist gleich bedeutend und darüber hinaus ist klar, dass Blog-Software aufgrund ihrer einfachen Anwendung gerne auch für Webseiten verwendet wird, ohne dass diese auch nur versuchen, “Blogs” im eigentlichen, im kulturellen Sinne zu sein.

    Zur Kultur des Bloggens gehört jedenfalls die Bereitschaft zum Dialog und zur Vernetzung. Bloggen heißt, die Kommentarfunktion offen zu halten, auf Kommentare zu antworten und zum Kommentieren einzuladen. Es heißt in weiterer Ausprägung auch, den Blick über den eigenen Blogrand offen zu haben. Dazu gehört das Verlinken zu interessanten Texten auf anderen Webseiten und vor allem Blogs, das transparent Machen der Blogs, die mensch selbst liest und schätzt, das Referenzieren auf Beiträge in anderen Blogs. All diese Aspekte des Zitierens, des Pflegens einer Blogroll und des Wahrnehmens, was sonst so in der Blogosphäre passiert, das Teilnehmen an Debatten und Diskursen, das läuft auf Vernetzung hinaus, auf den größeren Zusammenhang und Horizont, auf gesellschaftliches Engagement, auf Solidarität.