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  • Die Emergenz des Web 2.0 und der Social Media

    Das World Wide Web – auch bekannt als WWW oder in der Koseform einfach nur «Web» genannt – ist heute gut zwei Jahrzehnte alt. In den Jahren 2009, 2010 und 2011 haben wir mehrfach sein zwanzigjähriges Bestehen und “Geburtstage” gefeiert. Allerdings sind solche Konzepte wie Geburt und Altern auf eine komplexe (Infra-)Struktur und ein Phänomen wie das Web nicht sinnvoll anwendbar. Zuerst einmal sind es eine Reihe von Entwicklungen, die zur Emergenz des «World Wide Web» beigetragen haben, sodass auch mehrere symbolische Jahrestage festgemacht werden. Und zweitens ist das Web seit diesen ersten Tagen, Monaten und Jahren nicht das gleiche Web geblieben, das nur älter geworden wäre, sondern es wurde laufend weiterentwickelt. Und es hat sich weiterentwickelt.

    Der Begriff des «Web 2.0», wie er in der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts immer populärer wird, hat ebenfalls mit vielen einzelnen solcher Entwicklungen und mit ihren Auswirkungen auf das Gesamtsystem “Web” zu tun. Zum ersten Mal verwendet wird der Begriff im Zusammenhang mit dem ebenfalls gebräuchlich gewordenen Begriff der «Cloud», der “Wolke”.

    Beiden Begriffen – Web 2.0 und Cloud – entspricht das Bild des “etwas Auslagern”, das: etwas nicht mehr selbst und lokal organisieren, sondern nach außen geben und dort erledigen lassen. Outsourcing also, ein gängiges Bild der globalisierten Welt und Wirtschaftsformen. Dazu müssen die notwendigen Strukturen gegeben sein. «Web 2.0» bedeutet, dass das Web nicht mehr nur Kommunikationsmedium und Infrastruktur ist, sondern zunehmend auch ein Raum, eine “Plattform”, in den komplexe Aufgaben ausgelagert werden können. Dabei spielen sowohl technische Aspekte des «Cloud Computing» eine Rolle als auch die wirtschaftliche Entwicklung zu einer Ökonomie der Internet-Dienstleister (der New Economy) und drittens die sich entwickelnden kollaborativen Formen der Arbeitsorganisation im und via Web.

    «Web 2.0» bedeutet auch, dass das Web und die Art und Weise wie wir es verwenden, dynamischer und interaktiver geworden ist. Viel mehr Menschen führen aktiv Operationen im Web aus, die es verändern. Dieser Aspekt hat bereits mit dem Begriff «social» zu tun, wie er in Social Bookmarking, Social Tagging oder Social Media vorkommt.

    Die Begriffe «Web 2.0» und «Social Media» meinen nicht das Gleiche. Viele der Entwicklungen hin zum Web 2.0 sind aber sehr wohl Voraussetzung für die “Social Media”. Eine berühmte Visualisierung aus dem Jahr 2005 fasst diese Entwicklungen exemplarisch in einer Schlagwortwolke zusammen. Letztendlich bedeutet der «Web 2.0»-Begriff, dass das Web dank dieser Voraussetzungen in eine neue Entwicklungsstufe eingetreten ist, neue Systemlogiken und Ökonomien herausgebildet hat und noch einmal zu etwas Neuem “emergiert” ist. Der Begriff «Social Media» hat dagegen eher mit den Auswirkungen der neuen Systemlogiken und Ökonomien zu tun. Er stellt die neue kollaborative Organisationsform in den Mittelpunkt, die auf den Operationen vieler im Web vernetzte Benutzer_innen basiert.

    Diese selbstorganisierte Arbeitsweise unterscheidet sich grundlegend von hierarchischen Organisationsformen. Bei Letzteren werden Empfehlungen – zum Beispiel für Restaurants, Videofilme, Reiseziele, lesenwerte Texte, gute Musik, vorteilhafte Kontakte und relevante Nachrichten – von Professionist_innen erarbeitet, die diese Empfehlungen als Dienstleistung verkaufen. Ein Begriff für diese Organisationsform ist die Redaktion. Empfehlungen werden von wenigen professionellen Gatekeepern an viele ausgesendet. Die Funktionen der Redaktion – sichten, bewerten, filtern, aufbereiten und veröffentlichen – führen im Web 2.0 nun aber auch die Benutzer_innen selbst aus. Die Empfehlungen der Benutzer_innen sind wiederum für ihre Netzwerkkontakte sichtbar.

    Bei der professionellen Redaktion senden wenige an eine Allgemeinheit der vielen, an die Kund_innen; wir sprechen von “One-to-Many”. In den «Social Media» senden einige an einige, die “Friends”, “Follower”, Kontakte; wir sprechen von “Many-to-Many”. Die Bedeutung der professionellen Redaktionen und der Gatekeeper ist in den Sozialen Medien also drastisch gesunken.

    Mit der Emergenz des Web 2.0 gibt es mehr Möglichkeiten für sehr viel mehr Menschen, im Web selbst zu publizieren, zu bewerten, zu kommentieren. Aktive Teilhabe ist deutlich einfacher geworden, in Blogs und Wikis, durch YouTube, Flickr und schließlich Plattformen wie Facebook, sodass der Begriff des “Mitmach-Webs” geprägt wird. Das untergräbt einerseits die Vormachtstellung einiger Wirtschaftsbereiche, schafft aber auch neue Ökonomien und Abhängigkeiten.